Der Bestatter: Meine Begegnung mit den Bestattern

Der Bestatter in meinem Leben

Habt ihr euch schon einmal überlegt, wie ein Bestatter als Mensch sein könnte und wie dessen Leben wohl aussieht?

Der Bestatter als Person hat mich schon immer interessiert, aber ich hatte nie die Gelegenheit, einen näher kennenzulernen.

Der Tod ist ehrlich gesagt ein Thema, das mich seit jeher fasziniert, und auch alles, was ihn umgibt: Religion, Glaube, Traditionen, Mythen etc. Jedoch habe ich mit der Zeit versucht, diese Themen aus kulturellen Gründen und wegen meiner familiären Erfahrungen zu meiden.

Meine Begegnung mit den Bestattern

Auch ich war in meinem Leben bereits auf einigen Begräbnissen von Verwandten und Freunden. Die Umstände sind traurig. In solchen Momenten beachtet man die anderen Menschen um einen herum nicht wirklich, vor allem, wenn es sich dabei um Fremde handelt, wie den Bestatter oder genauer gesagt Bestatter im Außendienst (wie ich später erfuhr).

Dann hatte ich das Glück, jawohl das Glück, mit Bestattern an einem Projekt zusammenzuarbeiten. Ich bin Italienerin, aber beruflich überwiegend in Österreich tätig. Ich liebe dieses Land und lebe auch hier. Ich habe die Bestatter aus der Gegend hier kennengelernt und beim ersten Treffen musste ich feststellen, dass sie überhaupt nicht in mein Klischee passten.

Mein Stereotyp eines Bestatters

In meinem Kopf hatte sich der Stereotyp eines Bestatters festgefahren: Der Name meines imaginären Bestatters ist John. Er ist eine traurige Gestalt, weil er mit traurigen Momenten und traurigen Menschen zu tun hat. John der Bestatter ist nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in seinem Privatleben traurig, um sich besser in seine berufliche Rolle hineinzuversetzen. John ist schweigsam, weil er die psychische Last des Schmerzes der Hinterbliebenen mit sich trägt. John ist schwarz gekleidet, sein Gesicht so blass, als ob es nie einen Sonnenstrahl gesehen hätte, seine kreidebleichen Hände sind Ton in Ton mit den weißen Hemdmanschetten, die aus den Ärmeln der schwarzen Jacke hervorragen. John lässt seine Mundwinkel vor lauter Traurigkeit nach unten hängen, die Stirn ist voller Sorgenfalten wegen der zu großen Last, die er mit sich herumschleppt. John spricht mit leiser Stimme und wenig, vielleicht weil er denkt, dass ihm keiner zuhören möchte.

Der Bestatter und seine Energie

Als der erste Besprechungstermin im Rahmen des Projekts mit den Bestattern in der Wirtschaftskammer in Innsbruck stattfand, stellte ich mir meinen John vor. Genau diesen Typ Bestatter hatte ich hinter der Türe erwartet. Ich betrat einen lichtdurchfluteten Raum mit großen Fenstern. Dort waren die Bestatter versammelt und erwarteten mich bereits. Ihre Herzlichkeit, Höflichkeit, und ihre freundliche und positive Wesensart haben mich überwältigt. Wo war die ganze Traurigkeit geblieben, die John immer ins Gesicht geschrieben war?

Sie standen mit strahlenden Augen und voller Energie vor mir, schüttelten mir freundlich die Hand und fragten mich, wie es mir geht und was ich so mache. Ich muss zugeben, dass sich ab diesem Augenblick ein Gefühl des tiefsten Respekts und der Achtung vor ihrer Arbeit in mir breit machte.
Danach entwickelte sich das Gespräch zu einer freundlichen und angenehmen Unterhaltung.

Während dieses Treffens begann John, mein imaginärer Bestatter, in meinem Kopf dahinzuschmelzen, ähnlich wie die Hexe des Westens beim Zauberer von Oz, nachdem Dorothy einen Eimer Wasser über sie gegossen hatte.

Meine Überlegungen zum Bestatter

Ich verbrachte einen ganzen Tag in einem Bestattungsinstitut. Ich wollte mehr darüber erfahren und mehr davon verstehen. Die Dinge, die ich gesehen und gehört habe, waren für mich nicht alltäglich. Ein Bestatter sieht und hört diese Dinge aber jeden Tag.

Ich dachte immer, ein Bestatter muss wohl über eine große innere Kraft verfügen, um diese Tätigkeit ausüben zu können und den Feierabend mit seiner Familie und seinen Freunden verbringen zu können, ohne sich von den Gefühlen des Tages leiten zu lassen. Darüber hinaus muss ein Bestatter geduldig und einfühlsam sein sowie Fingerspitzengefühl besitzen, weil er mit Menschen in schwierigen Momenten zu tun hat.

An den darauffolgenden Tagen dachte ich: „Wie würde ich mich an seiner Stelle fühlen?“ Hätte ich die Kraft, um all dies zu bewältigen, die tägliche Konfrontation mit dem Tod und denjenigen Halt zu geben, die Beistand brauchen? Hätte ich die Kraft, am Ende eines jeden Tages die Sorgen und Gedanken beiseite zu legen und den Feierabend mit meiner Familie zu genießen?

Sich jeden Tag mit dem Tod auseinanderzusetzen ist eine Gabe, die meines Erachtens ohnegleichen ist. Für mich ist es dieselbe Gabe, die auch Ärzte im Umgang mit todkranken Patienten haben. Viele sagen, dass man für bestimmte Situationen ein dickes Fell bekommt. Meiner Meinung nach ist es nicht möglich, sich so ein dickes Fell zuzulegen, dass es für den Tod dick genug ist. Ich denke aber, dass man einen neuen Ansatz, eine neue Kraft bzw. eine neue Sichtweise entwickeln kann.

In meinen Kommunikationskursen habe ich gelernt, widrigen Bedingungen im Leben auf eine positive Art und Weise zu begegnen, indem man diese als neuen Denkanstoß und neue Herausforderung sieht, um daran zu wachsen, sich weiterzuentwickeln und jeden Tag eine bessere Version seiner selbst zu werden.
Ich glaube, das trifft auch auf die Bestatter zu. Auch dank diesen Erfahrungen im Bestattungsinstitut konnte ich in meiner persönlichen Entwicklung wieder einen Schritt nach vorne machen.

Lebe wohl, John. Hallo Bestatter des wirklichen Lebens.

Bestatter zu sein, ist für mich die beste Tat.

 

 

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